Die Bilder sind, was sie sind

Alexander Hagmann / Photonews 02/26

Bilder können ein Eigenleben entwickeln; man muss ihnen nur die Luft zum Atmen geben, sie hegen und pflegen, und ihnen beim Wachsen zuschauen. Macht man dies sehr gewissenhaft und über Jahrzehnte hinweg, besteht die Möglichkeit, dass aus dem flachen, leblosen Ding ein Körper hervorgeht. Und in diesem Körper wächst gleichermaßen ein Geist heran. Nachvollziehen lässt sich dies am gesamten Œuvre von Dörte Eißfeldt.

Seit einigen Jahren arbeite ich mal mehr, mal weniger intensiv mit Dörte Eißfeldt zusammen und unterstütze sie im Umgang mit der Digitalisierung und Archivierung ihrer Arbeit. Dass sie 2025 den hochdotierten Prix Viviane Esders erhielt, machte eine umfassende Aufarbeitung ihres Archivs und ihres Werkes notwendig. Hinzu kamen und kommen mehrere Ausstellungen, darunter eine Einzelausstellung im Februar 2026 bei C/O Berlin. In den vergangenen Monaten führte dies zu einer deutlichen Intensivierung unserer Zusammenarbeit. Ich glaube, inzwischen einen Großteil ihres Werkes gesehen und nahezu jede Publikation einmal in der Hand gehabt zu haben.

Verschafft man sich einen Überblick über ihr Schaffen, das selbst während ihrer Professur an der HBK Braunschweig kaum gebremst wurde, wird deutlich, dass eine derart eigenständige und autonome Position heute nur noch selten zu finden ist.

Zumindest mir ist bislang niemand begegnet, dessen Arbeit darin mündet, ein ganzes Buch mit dem Bild eines Schneeballs zu produzieren.

Wobei nicht ganz klar ist, ob es sich um einen Schneeball handelt oder um mehrere. Bereits hier zeigt sich, was Dörtes Antrieb ist: das Medium Fotografie kontinuierlich zu befragen und seine dokumentarischen Anteile infrage zu stellen. Nicht das abgebildete Objekt fordert zur Wahrnehmung auf, sondern die unzähligen Variationen des Bildes,  seines Materials, seiner Produktionsinsignien und seiner Form. Ihre jeweilige Ausprägung verweist darauf, dass das Bild immer Teil eines Prozesses ist, dessen Spuren massiven Einfluss auf den Inhalt haben. Wie bei nahezu allen Arbeiten von Dörte Eißfeldt lässt sich kaum etwas als endgültig abgeschlossen begreifen. Jedes Bild, jeder Print, jedes Stück Papier wächst weiter, verändert sich, bekommt irgendwann vielleicht einen Zwilling oder Geschwister.

Für Dörte Eißfeldt ist die Bildwerdung erst mit der physischen Verbindung zum Material abgeschlossen. Dass es sich dabei fast ausschließlich um analoges Material handelt, dessen Entstehung in der Dunkelkammer stattfindet, muss ausdrücklich erwähnt werden. Papier und Entwickler sind als Bildinhalt ebenso relevant, wie es die Abbildung selbst ist. Jede Übertragung dieser Bildkörper in eine digitale Entsprechung, sei es als Scan, Reproduktion oder Dokumentation, scheitert an der Frage, wo das Bild beginnt und wo es endet. Ein digitales Zuschneiden kommt einer Unkenntlichmachung, gar einer Amputation gleich. Der physische Bildrand besitzt den gleichen Stellenwert wie die Abbildung selbst. In beinahe tautologischer Konsequenz beansprucht Dörte Eißfeldt die absolute Autorität über das Bild. Es ist, was es ist. Eine Verneinung des Materials ist unmöglich. Unikate wider Willen. Jede digitale Form bleibt ein bloßer Verweis auf das Ding in der Welt.

Damit ist ein Umstand beschrieben, der das gesamte Werk prägt: Kurz nach ihrer Entstehung sind die Arbeiten bereits in der Welt. Von da an sucht Dörte ausschließlich nach dem richtigen Ort und der angemessenen Form.

Manchmal habe ich den Eindruck, sie wartet einfach ab, was ihre Bilder tun, ob sie noch Unterstützung brauchen oder vielleicht andere Schuhe. Ich habe mir schon vorgestellt, wie sie morgens ihr Atelier betritt, ihre Bilder betrachtet und laut fragt: „Na, was machen wir heute?“

Was sie dort tut, dokumentiert unter anderem das 2024 im Distanz Verlag erschienene Buch Stehen, Liegen, Hängen. Es ist eine Form des Künstlerbuchs, die verdeutlicht, wie sie ihr gesamtes Material immer wieder neu verortet, sortiert, stellt, legt und hängt.

Überhaupt nehmen Buchpublikationen einen großen Raum im Gesamtwerk ein, ohne sich von der grundlegenden Haltung zum künstlerischen Arbeiten zu entfernen. Seit den 1970er-Jahren hat Dörte Eißfeldt unzählige selbstproduzierte Publikationen in Buch- oder Magazinform geschaffen. Was andernorts als Dummy gelten würde, ist hier stets ein Unikat, gesetzt und in seiner Autorität unanzweifelbar.
Manche dieser Arbeiten bestehen aus Schulheften, die als Träger analoger Bildunikate fungieren. Selbst winzige, handtellergroße Notizhefte werden zu eigenständigen Buchkörpern.

Je tiefer man in diese Welt eintaucht, desto größer wird die Demut, mit der man diesem Schaffen begegnen sollte. Ich selbst habe in fotografischen Arbeiten lange nach Konzepten und Bedeutungen gesucht und tue dies noch. Hier musste ich nun lernen, dass sich mit solchen Maßstäben kein Zugang finden lässt. Während ich bei anderen Künstlerinnen und Künstlern schnell nach dem Warum frage, ist bereits dieser Gedanke im Fall von Dörte Eißfeldt verfehlt. Selten habe ich so deutlich lernen müssen, dass die Befragung künstlerischer Autorität keiner Antwort bedarf. Dörte Eißfeldt existiert, und mit ihr ihre Bilder. Jede Form der Befragung liefe auf eine Verneinung ihrer Existenz hinaus, ihres Daseins als (Bild)Körper in der Welt. Vielleicht erklärt sich auch daraus, weshalb ihr Werk erst spät die Anerkennung erfährt, die es verdient. Künstlerische Autorität lässt sich nicht erfinden und nicht in einem Konzept formulieren. Sie ist das Ergebnis einer konsequenten Haltung über Jahrzehnte. Und wenn das bedeutet, dass kein Bild angeschnitten werden darf, dann ist das so.