Die Welt zum Gedicht geordnet

Boaz Levin, 2026

Zur Erfahrung des Schauensmit Dörte Eißfeldt und Wallace Stevens

Wenn es gerade geschneit hat und die Welt unter einer dünnen Schneeschicht verschwindet – wenn die Straßenreinigung noch nicht streuen und die Wege noch nicht räumen konnte, wenn noch kein Auto und kein Fußgänger seine Spuren hinterlassen und der Regen den frischen Schnee noch nicht in Matsch verwandelt hat –, dann glaube ich manchmal, zu verstehen, was der US-amerikanische Dichter Wallace Stevens meinte, als er schrieb: „Nicht jeden Tag ordnet sich die Welt zu einem Gedicht.“ Alles ist genauso wie immer und doch geringfügiganders. Ein Abfallhaufen strahlt unter dem Vollmond ein weiches, weißes Licht aus. Schneeverkrustete Bäume werden zu Zeichnungen im Raum. Im Park verwandeln sich Laubberge in Dünenlandschaften, verhüllt von einem Tuch aus Licht. Als wäre ich an einem anderen Ort, zu einer anderen Zeit.

Kaum etwas anderes gibt mir so sehr das Gefühl, wieder ein Kind zu sein, wie Schnee möglicherweise, weil es dort, wo ich aufwuchs, so gut wie nie schneite. Umso mehr erwarteten wir damals diesen Moment, in dem das Lebenunvermittelt stillstehen würde. Keine Autos, keine Schule, keine offenen Läden, keine Pflichten.

Aber eigentlich glaube ich nicht, dass dies wirklich der Punkt ist. Etwas am Schnee weckt in mir den Wunsch, noch einmal hinzuschauen. Nichts ist, wie es normalerweise ist – und nichts wird lange so bleiben wie in diesem einen Augenblick. Das dürfte entscheidend sein: Uns ist klar, dass der Schnee schmelzen wird (und dass dies vermutlich bereits begonnen hat). Er ist makellos, jedoch nur einen kurzen Moment lang. Und mit seiner wässerigen Konsistenz offenbart der Schnee etwas Elementares und Grundlegendes über uns und die Welt, in der wir leben. Denn nicht nur wir selbstbestehen zum überwiegenden Teil aus Wasser, auch der Großteil der Erdoberfläche wird von Wasser bedeckt. Aber wir neigen dazu, das zu vergessen.

Wie Stevens in seinem Gedicht „Der Schneemann“ erklärt: „[F]ür den Lauscher, der im Schnee lauscht, / und, selbst nichts, nichts erfasst, / das nicht da ist, und das Nichts, das ist.

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Wallace Stevens war ein Dichter des Schnees. Immer wieder begegnet man diesem in seinem Werk: als Kulisse, alsVordergrund, als transformierende Kraft, als Wiederholung, als Bild und Vorstellung, als Metapher oder als Idee. Im Schnee gründet Stevens’ Gefühl eines Einklangs mit der Welt, er schaut den Schnee an und lauscht ihm, um das Gedicht, das dieser für ihn darstellt, in (seine eigenen) Worte zu übersetzen. So wie der Schneemann mit dem Winter im Sinnerfasst Stevens nichts, das nicht da ist, und das Nichts, das ist. Mit Schnee beginnt und endet auch sein Gedicht „Dreizehn Anschauungen einer Amsel“, in dem Stevens auf wunderbare Weise vorführt, was es heißt, etwas wirklich anzuschauen. Im ersten Abschnitt entwirft er ein Bild von solch vollkommener Stille, dass man sie beinahe zu vernehmen meint: Zwischen zwanzig Schneebergen / Bewegte sich als einziges / Das Auge der Amsel.“ Die 13. Anschauung schließt den Bogen und vermittelt dabei ein Empfinden für die der Szenerie immanente Wiederholung.Es war Abend den ganzen Nachmittag. / Es schneite gerade / Und es würde weiterschneien. / Die Amsel saß / In den Zedernzweigen.

Der Schnee ist eine Art Leitmedium für Stevens’ Poesie; er schärft unsere Sinne, indem er die Dinge abstrakter und auf subtile Weise verändert erscheinen lässt, alles verlangsamt und beständig verwandelt. Die in das Weiß des Schnees getauchte Landschaft wird zum Schauplatz von Stevens’ Einstimmung auf die Welt, in der wir sind, in „das ABC des Seins“, wie es in einem anderen seiner Gedichteheißt. Die Dichtung stellt seinen Versuch dar, sich der Welt mittels Beschreibung anzunähern, nicht im Sinne einer simplen Reproduktion, sondern in der Form einesunermüdlichen Lauschens und Schauens, das von ihm erfordert, sich stets bewusst zu sein, inwiefern er selbst ein Teil dessen ist, was er beschreibt.

In „Studie von Bildern I“ erklärt er:[…] da in Bildern wir erwachen, / In eben dem Objekt, das wir suchen, // Wir Teilnehmer seines Seins. Es ist, wir sind.

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Schnee, Eis und Wasser sind beinahe durchgängig Motive des außergewöhnlichen fotografischen Werks von Dörte Eißfeldt(übrigens ein fast schon programmatischer Name). Die Künstlerin kann als Wegbereiterin einer fotografischen Praxis im Sinne von Jeff Walls „flüssiger Intelligenz“gelten. Wall zufolge fiel die Institutionalisierung der Fotografie mit ihrem Übergang zu einer optischen, technologischen Intelligenz der Erfassung und Kontrolle zusammen. Um Unregelmäßigkeiten auszumerzen und zu einerunmittelbaren, verlässlichen und vorgeblich wahrhaftigenWiedergabe der Realität zu gelangen, traten trockene fotografische Verfahren an die Stelle von nassen Technikenwie dem Kollodium-Nassplatten-Verfahren, bei dem die beschichtete Platte innerhalb von 15 Minuten nach der Beleuchtung in einer mobilen Dunkelkammer entwickelt werden musste. Kein Wasser durfte in die Nähe der Kameras gelangen.Während Flüssigkeiten in der Frühphase der chemischen fotografischen Experimente allgegenwärtig waren und die Fotografie mit der archaischen Kunst der Alchemie verbanden, wurden sie nunmehr verbannt, damit sie nicht in die Geräte eindringen konnten. Walls Text von 1989 erscheint geradezu prophetisch, wenn man bedenkt, wie die Fotografie seitherzunehmend numerisch wurde und unter derberührungsempfindlichen Oberfläche der Displays verschwunden ist. Durch die Überführung in die vermeintlicheImmaterialität hat sich die Fotografie nur noch weiter von ihren wässrigen Ursprüngen entfernt.

Nur wenige Künstler:innen haben derart unermüdlich und spielerisch die untergründig fließenden Ströme der fotografischen Bilderzeugung erschlossen wie Dörte Eißfeldt. Anstatt einfach die Wirklichkeit abzubilden, nutzt sie die Fotografie als Medium der Einstimmung und der Transformation. Ihre Bilder erinnern uns unentwegt daran, dass sie selbst ein Teil der Welt sind, die sie zeigen. Bildträger, Oberfläche und Bedeutung sind untrennbar verwoben. Um Stevens zu paraphrasieren: Wir sind in den Objekten, die wir suchen. Die Flüssigkeit, die die Herstellung des Bildes ermöglichte, sickert vermeintlich in das Motiv ein, und umgekehrt. Nichts ist, was es zu sein scheint, und nichts bleibt lange, was es ist. Zu EißfeldtsSujets zählen Wellen und Pfützen, Eis und Schnee oder auchPapier und Licht als vorgeblich transparente, unsichtbare Bildträger. Doch wie Eißfeldt betont, haben Bilder einenKörper, sie sind stofflich. Der menschliche Leib kann zur Landschaft werden. Weit entfernt von der numerischen Gewissheit, die wir mittlerweile der Fotografie zuschreiben, sind ihre Bilder aleatorisch, ein Produkt von Zufall, Spiel und Poesie, von Assoziation und Metapher.

Die Fotografie wird zumeist als technisches Hilfsmittel des Sehens aufgefasst, doch im Unterschied dazu geht es inEißfeldts Werk vorrangig ums Schauen. Wie Stevens in seinen Gedichten erfasst auch sie unsere Umwelt, indem sie diese wieder und wieder anschaut, bis sie all ihre Feinheiten und Unterschiede erkennt – nichts ist jemals ausschließlich das, was es ist, sondern birgt in sich stets eine breite Palette anderer Möglichkeiten.

In diesem Zusammenhang spricht Kaja Silverman in ihrerwichtige neu aufgefassten Geschichte der Fotografie vom„Wunder der Analogie“ des Mediums – von seiner Fähigkeit,„die anonymen und unhintergehbaren Ähnlichkeiten, die das Sein strukturieren“, offenzulegen. Sie stellt fest: „Nicht nur ist das fotografische Bild selbst eine Analogie und nicht etwa eine Repräsentation oder ein Index, sondern die Analogie ist ihrerseits wiederum die Flüssigkeit, in der es sich entwickelt. Allerdings können wir weder bestimmen, wo dieser Prozess beginnt, noch wann er endet. Die Fotografie entwickelt sich mit uns und in Reaktion auf uns.“

Wie das in der Praxis aussehen könnte, davon vermag unsEißfeldts Serie Schneeball (1988) eine Vorstellung zu geben. In Anlehnung an Stevens Gedicht „Dreizehn Anschauungen einer Amsel“ kann man sagen, dass diese Serie 32 Anschauungen eines Schneeballs liefert. Die von einem einzigen Negativ angefertigten Abzüge bilden eine Studie über die Analogie. Der in einer hohlen Hand der Kamera präsentierte Schneeballwirkt immer wieder anders. Mal erscheint er alsHimmelskörper, mal als Baumwollbausch. Mal flüssig, als würde er schmelzend in das Papier eindringen, mal silbern, mineralisch, gefroren. Hier wie ein Berg, dort wie eine Pfütze. Mal wird die schlichte Kugel zu einer byzantinischen Ikone, dann wieder verwandelt sie sich in eine abstrakte Geste. Im Titel „Schneeball“ steckt das „All“, und in der Tat erkundet die Serie den gesamten Kosmos an Bedeutungen und Affinitäten, die sich bei der aufmerksamen Betrachtungdieses einen Phänomens einstellen.

Zwei andere Serien ist dem Möbiusband (Möbiusband / Helix, 1994–2006) gewidmet. Es handelt sich um zugleich skulpturale, filmische und fotografische Arbeiten, die ausAufnahmen von Wellen bestehen und in denen das abgebildeteObjekt buchstäblich auf sich selbst zurückgeführt wird. Dingund Oberfläche fallen ineinander und brechen sich wie die Wellen der Wahrnehmung an den Stränden der Realität.

Entscheidend ist die transformative Kraft dieser unermüdlichen Praxis des Schauens: Ein Messer erinnert an einen Megalith. Die menschliche Haut wirkt auf einem Bild porös, auf anderen Bildern hingegen undurchdringlich, metallen oder wie ein Stein. Eißfeldt ruft uns in Erinnerung, dass Bildermachen so viel mehr ist als bloße Abbildung oder das „Erfassen“ eines Moments – als ließe dieser sich aus unserer Wirklichkeit herausschneiden. Es geht darum, wahrzunehmen, und dazu müssen wir, wie der Schneemann, immer wieder schauen, um „nichts“ zu erfassen, „das nicht da ist, und das Nichts, das ist“.

Literaturhinweise

Jeff Wall, „Photography and Liquid Intelligence (Fotografie und flüssige Intelligenz)“. In: Theodora Vischer und Heidi Naef (Hg.), Jeff Wall. Catalogue Raisonné 1978–2004, (Ausstellungskatalog Schaulager Basel) 2005, S. 442f.

Kaja Silverman, The Miracle of Analogy, or, The History of Photography, Part I, Stanford: Stanford University Press 2015.

Wallace Stevens, Hellwach, am Rande des Schlafs, hg. von Joachim Sartorius, München 2011.

Wallace Stevens, Teile einer Welt, Salzburg 2014.