Soft Ripples in the Developing Tray

Jens Hinrichsen / Monopol 05.03.2026
First published in Monopol – Magazin für Kunst in March 2026

Translated into English by Sylee Gore

Dörte Eißfeldt versteht Fotografie nicht als Fenster zur Welt, sondern als Welt für sich. In zwei hinreißenden Berliner Ausstellungen lässt sich jetzt nachvollziehen, wie die 76-Jährige dieses Verständnis über Jahrzehnte entwickelt hat

Bei kräftigem Westwind türmen sich die Wellen an der südspanischen Costa de la Luz. Wahrscheinlich hat die Fotografin das Bad bei unruhiger See genossen, ein bisschen Respekt war sicher auch im Spiel. Nur drei Monate nach der letzten Ausstellung von Dörte Eißfeldt bei Thomas Fischer hat in derselben Berliner Galerie schon die nächste eröffnet.

Die Bilder der nach dem andalusischen Badeort benannten Serie „Conil“ sind dort 2003 im Meer entstanden. Mit wasserdichter Kamera bewaffnet, schwamm Eißfeldt hinter die Brandungszone und schoss die Momente, in denen sich das Element auftürmt und der Wellenkamm sich zu kräuseln beginnt. Eißfeldt fotografierte ab Anfang der 1990er zehn Jahre lang immer wieder und in verschiedenen Meeren solche Wellen am Gipfelpunkt ihres Crescendos – zunächst vom Strand aus, in Conil dann aus der Schwimmerperspektive.

Die sensorische Erfahrung ist in die Bilder eingeschrieben. Beim Betrachten hört, riecht, schmeckt man das Meer. Zugleich wird das Körperhafte des Elements selber betont. Auf manchem Bild vergletschert das Wasser, erstarrt hier zu welligem Glas, erinnert dort an helldunkel gefleckte Walhaut. Eißfeldts Fotografie ist eine Kunst der Metamorphose.

Nicht Fenster zur Welt, sondern eine Welt für sich

Die kleine Wellenschau in der Mulackstraße flankiert die umfassende Werkausstellung Eißfeldts im Amerikahaus am Zoo. Im Obergeschoss von C/O Berlin entfaltet sich ihr ganzes Schaffen, das die Künstlerin über Jahrzehnte und weitgehend unter dem Radar der breiten Kunstöffentlichkeit aufbaute. Dabei macht das eigentliche Fotografieren nur einen kleinen Teil ihrer Praxis aus. Eißfeldt hält weitgehend an der analogen Schwarz-Weiß-Fotografie fest und verarbeitet die Negative in einem oft langwierigen Laborprozess. Fotos sind für sie nicht Fenster zur Welt, sondern eine Welt für sich. Ihre Experimente führen weit in die Abstraktion hinein.

Eißfeldt wollte ursprünglich Malerei studieren und kam dann während ihres Studiums an der Hamburger Kunsthochschule über den experimentellen Film zur Fotografie. Neben dem Labor ist das Archiv eine zentrale Kategorie: Kein stillgelegtes Depot, sondern mehr ein Garten, in dem die Gewächse gehegt, gepflegt und mitunter auch aussortiert werden. Den englischen Begriff „Body of work“ nimmt Eißfeldt gleichsam beim Wort: Die Fotografie selbst materialisiert sich in den Papierabzügen, auf denen mitunter das Bildsilber glitzert, und wird körperhaft greifbar. Dass ihr Glaube an das Medium ungebrochen ist, spiegelt auch Eißfeldts Ausstellungstitel „Archipelago“.

„Fotos sind wie Wale, die ganze Inseln tragen können“, hat Eißfeldt in einem Künstlerbuch geschrieben, das neben Skizzen und Materialien aus dem Studio unter Glas liegt: C/O-Kurator und Programmleiter Boaz Levin hat der Künstlerin ein ganzes Archipel aus Vitrinen zur Verfügung gestellt. An den Wänden sind natürlich auch Bildwerke angebracht. Von einer schnöden „Hängung“ mag man angesichts der aufregenden Inszenierung der Arbeiten nicht sprechen. In der Werkauswahl hat die Künstlerin ganz offenbar den Raum und seine dramaturgischen Möglichkeiten mitgedacht.

Faszinierend eigenwillige Bildwelten

Im Amerikahaus wird nachvollziehbar, warum Dörte Eißfeldt im vergangenen Herbst mit dem Prix Viviane Esders ausgezeichnet wurde. Die französische Sammlerin und Stifterin würdigt mit der Auszeichnung seit 2022 Fotoschaffende über 60, die sich ein besonderes künstlerisches Profil erarbeitet haben, bisher jedoch unterschätzt wurden.

Tatsächlich: Wie faszinierend-eigenwillig sich das Werk der 1950 in Hamburg geborenen Eißfeldt jetzt erweist, so suboptimal ist ihre künstlerische Karriere bisher abgelaufen. Sie hat einen berühmten Sohn großgezogen, den Musiker Jan Delay, und war als Professorin von 1991 bis 2016 an die Hochschule für Bildende Künste Braunschweig gebunden, sodass eine zeit- und kraftraubende Ausstellungstätigkeit immerhin erschwert war. Einige Studierende aus ihrer Fotoklasse haben sich im Kunstbetrieb eher etabliert: Andrea Geyer, Matthias Langer, Ingo Mittelstaedt oder der früh verstorbene Sascha Weidner.

Nun aber ist Eißfeldts Zeit gekommen. Sie wird mit einer angemessen großen Ausstellung gefeiert, die das Publikum in die Bildwelten der Künstlerin lockt. Da gibt es die halbwegs eindeutigen Motive: Wieder die Wellen oder ein Felsenspringer, der wie ein schwebender Pfeil über der Gischt hängt: Aufgehobene Zeit. Eine Bildreihe jugendlicher Gesichter mit geschlossenen Augen ist durch das Dunkelkammerverfahren der Solarisation ins Metallische verfremdet. Hier wird schon ein deutlicher Abstand zwischen Motiv und Abbild sichtbar. Vom Bild eines Schneeballs in der eigenen Hand – es gibt nur ein einziges Negativ – stellte Eißfeld 1988 so viele unterschiedliche Abzüge her, dass der Schneeball zum mehrdeutigen Gegenstand wird.

Eine Mehrfachbelichtung aus einem gefleckten Ponyrücken und glänzendem Asphalt nennt Eißfeldt „Drachenblut II“. Irgendwann im Arbeitsprozess ist aber das titelgebende Lindenblatt (à la Siegfried-Sage) verschwunden – und der fotografierte Raum auch. Stattdessen reflektiert sich das große Fenster zur Hardenbergstraße im Großformat: Fotografie als Karusselltür, deren Glas sich dreht und dreht und unablässig alte mit neuen Bildern überschreibt.

Der Übergang von den fotografierten Körpern zum „Körper der Fotografie“ ereignet sich fließend. Im dritten und letzten Raum dominiert die Ungegenständlichkeit, die reine Fotografie. Ihre programmatischen Zeilen, die Eißfeldt 1992 in ihrem Künstlerbuch „Pol“ abdrucken ließ, bleiben gültig: „Papier ist geduldig. Film ist geduldig – die Fotografie setzt sich zur Wehr: Sie will sich nicht länger verausgaben und verschwenden an die Motive und an die grenzenlose Unterhaltung; sie hat einen Körper und sie zeigt ihn; sie bildet sich selbst auf allen Bildern ab, hinterlässt einen Eindruck – mal versteckt, doch zunehmend offensiv.“

Der „grenzenlosen Unterhaltung“ vor drei Jahrzehnten entspricht heute die in den sozialen Netzwerken körperlos herumgeisternde Allerweltsfotografie, während Eißfeldt umso entschiedener auf die Materialität der Bilder setzt.

Eine sensorische Kraft liegt in den Bildern

Allein um die textilen Strukturen und chemischen Spuren von Fotopapier geht es in „Vera Ikon“ und anderen Serien mit Fotogrammen: Bilder ohne Kamera, die schon von der Produktionsweise her einen hohen Abstraktionsgrad besitzen. Anders als beim „Schweißtuch des Herrn“ der Veronika-Legende ist der „Vera Ikon“-Begriff bei Eißfeldt eine säkulare Metapher für die Analogfotografie selbst.

Im dritten und letzten „Archipelago“-Raum finden sich farbige Fotogramme. Farbfotografie hat Seltenheitswert bei der Künstlerin, weil der übliche Color-Prozess zu wenig Spielraum für Experimente lässt. Ironischerweise kommen die Pastelltöne der genannten Fotogramme ohne Entwicklerlösung und Fixierflüssigkeit zustande. Die Farbe ist ein Zufallsprodukt der Eißfeldt’schen Experimentierwerkstatt. Und sogar den Ausstellungsraum funktioniert die Künstlerin jetzt zum Instant-Fotolabor um, denn sie hat in den Vitrinen Rohfotopapier ausgelegt, das von Restbeständen aus dem Berliner Atelier von Sibylle Bergemann und Arno Fischer stammt. Im Zusammenspiel der Beleuchtung und der Exponate könnten wieder Eißfeldt-Werke entstehen.

Eißfeldts Schaffen ist eine Kunst des Trotzdem

Im klassischen Fotolabor wird mit Flüssigkeiten hantiert. Mit den Händen an der Laborschale simuliert man einen sanften Wellengang, vor und zurück, bis das Positiv schön gleichmäßig entwickelt ist. „Wasser spielt eine wesentliche Rolle bei der Herstellung von Fotografien“, schrieb auch Jeff Wall 1989 in seinem Essay „Photography and Liquid Intelligence“; das Wasser müsse nur „genau kontrolliert werden und darf sich nicht über die im Prozess vorgesehenen Zonen und Phasen hinaus ausbreiten – sonst wird das Bild zerstört. Du willst zum Beispiel sicherlich kein Wasser in der Kamera, oder du ruinierst das Bild!“.

Hat Eißfeldt beim „Conil“-Projekt 2003 also Jeff Wall beim Wort genommen? Oder hat sie trotzig den fotografischen Regelverstoß riskiert, um am Ende doch zu gewinnen? Denn ihr sind Seestücke gelungen, die man so nie gesehen, gespürt und gerochen hat.

Dörte Eißfeldts Schaffen ist eine Kunst des Trotzdem, der Synästhesie, des imponierend langen Atems, der fluiden Übergänge und schwankenden Gewissheiten. Aus dem Gesamtwerk sprüht eine Energie, die in der Fotokunst ihresgleichen sucht. Was den Zuspruch von Kritik und Publikum angeht, ist die Welle der Begeisterung inzwischen ja endlich angerollt.

„Dörte Eißfeldt – Conil“, Galerie Thomas Fischer, Berlin, bis 18. April

Einen Text von Dörte Eißfeldt über das Gemälde „Peace – Burial At Sea“ von William Turner und ihren Aufbruch in die Abstraktion lesen Sie hier

Dörte Eißfeldt . Archipelago

C/O Berlin

Berlin

7 Feb 2026 – 10 Jun 2026

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Soft Ripples in the Developing Tray

 

Dörte Eißfeldt sees photography as a world unto itself, not simply a window onto the world. Two dazzling Berlin exhibitions show us how the 76-year-old artist’s perspective has developed over decades.

Gusts of western wind froth the waves on Costa de la Luz in southern Spain. Swimming in these choppy waters, Dörte Eißfeldt was doubtless a bit in awe of their force, even as she enjoyed her dip. Berlin-based gallery Thomas Fischer opened this new exhibition of DörteEißfeldt’s work only three months after closing her last exhibition there.

Her Conil series (2008) is titled after the Andalusian seaside resort where her photographs were taken in 2003. Armed with her waterproof camera, Eißfeldt swam past the breakers into the sea to capture moments where the waves mounted high and crested. She had been photographing waves peaking in different waters since the early 1990s. Over time, she moved from the beach into the sea itself.

Sensory experience is etched into her images. Viewing them, one sees, inhales, and tastes the sea. The corporeal body of water is brought to the fore. In some photos, water seems to freeze to form a glacier, or resembles wavy glass or a whale’s mottled skin. Eißfeldt’sphotography conveys the artistry of metamorphosis.

Not a Window onto the World, but a World unto Itself

This small exhibition of wave photographs flanks a comprehensive retrospective of Eißfeldt’s oeuvre at C/O Berlin near Berlin’s Zoo station. Decades of her creative work are on display in the first floor of Amerika Haus, made when the artist was still under the mainstream art world’s radar. Yet the actual act of taking photographs forms only a small part of Eißfeldt’s artistic practice. She’s stayed true to analogue black-and-white photography and develops her negative in a painstaking process that often requires hours in the darkroom. For her, photographs are not just windows onto the world but a world unto themselves. Her experiments delve deep into the realm of abstraction.  

Eißfeldt set out to study painting. She discovered photography via experimental filmmakingwhile at art school in Hamburg. For Eißfeldt, the archive is far from a stuffy repository– it’s more like a garden which she tends, prunes, and weeds. Indeed, Eißfeldt’s practice takes to heart the corporality implied by the phrase body of work. The very notion of photography seems to coalesce in her gelatine prints, emerging onto paper in shimmering particles and becoming tangible objects. Her exhibition title, Archipelago, speaks to her steadfast faith in the medium.

Photos are like whales, capable of carrying entire islands, Eißfeldt wrote in an artist’s book currently on display, alongside sketches and materials from her studio. C/O Berlin’s curator and programme head Boaz Levin has offered the artist a veritable archipelago of glass display cases. Naturally, there visual works exhibited on the walls, but in an architecture so dynamic that the word hanging seems too banal. Clearly, the artist had the miseen-scèneof the exhibition space in mind when selecting her works.

Idiosyncratic and Intriguing Visual Worlds

The exhibition at C/O Berlin makes clear why Eißfeldt was awarded the Prix Viviane Esdersin autumn 2025. Its eponymous French collector and foundation director Viviane Esdersestablished this prize in 2022 to photographers over the age of sixty who have not yet received the recognition they deserve for their unique bodies of work Indeed, the fascinating idiosyncrasies of her work notwithstanding, Eißfeldt’s artistic career has been far from smooth. Born in Hamburg in 1950, she was a professor of photography at Hochschule fürBildende Künste Braunschweig between 1991 and 2016 and also raised a son (prominent German musician Jan Delay). These commitments sapped the time and energy one needs to engage in a regular exhibition practice. Some of her students were quicker to establish themselves in the art world, including Andrea Geyer, Matthias Langer, Ingo Mittelstaedt, and the late Sascha Weidner. But now, Eißfeldt’s time has come. Her work is being celebrated with a fittingly expansive exhibition that invites the audience into the artist’s visual realms. Motifs emerge: suspended moments of reappearing waves; a cliff diver poised like an arrow floating above the spray. A solarising process in the darkroom adds an eerie metallic effect to a portrait series of young people with eyes closed. What results is a clear distinction between motif and representation. In 1988, Eißfeldt used the single negative of a snowball photographed in her hand to make so many prints that the snowball became a multivalent object.

Dragon Blood II is a multi-exposure print overlaying a piebald pony’s back and a glistening asphalt surface. Eißfeldt’s title references the Germanic myth of Siegfried, who bathed in dragon’s blood to make himself invincible, but remained vulnerable at a spot where a linden leaf clung to his back. Yet the titular blood has disappeared in the making of this workas has three-dimensional photographic space. Instead, the piece reflects the large window overlooking Hardenbergstraße. Photography becomes a revolving glass door eternally overwritten with new images.

Eißfeldt’s transition from photographed body to body of photographic work is a fluid one.Pure, non-representational photography dominates the third and final room. These lines from Pol, her 1992 artist’s book, express her stance even today: Paper is patient. Film is patient. Photography is on the defence. It’s no longer content to exhaust itself, squandering its energies on subjects and interminable entertainments. Photography has its own body to display. It depicts itself in all its images, leaving an impression sometimes tacit, but increasingly confrontational. Those interminable entertainments of three decades past evoke today’s insubstantial, trivial photographs on social media, even as Eißfeldt’s art insists on the materiality of photographs with heightening resolve.

The Sensory Power of Images

The focus of the artist’s photogram series, which includes Vera Ikon, is solely on the material structure and chemical elements of photographic paper. Made without a camera, the highly abstract nature of these photograms is inherent in their means of production. Whereas the veil of Veronica was said to bear an image of Jesus, Eißfeldt’s Vera Icon is a secular metaphor for analogue photography.

The third and final room of the Archipelago exhibition features colour photograms. The artist seldom takes colour photographs because the methods used to develop them leave too little room for experimentation. Ironically, the pastel tones of these photograms are produced without developing and fixing solutions: their colour emerges by chance during Eißfeldt’sexperiments. The artist has even repurposed the exhibition space as an improvised photo lab, placing in glass vitrines unexposed photographic paper taken from the Berlin studio of photographers Sibylle Bergemann and Arno Fischer. These might yield new works by the artist, created as the light in the space interacts with the objects on display.

Eißfeldt’s Art of Defiance

Liquids are key in traditional darkroom processes. The developing tray is gently rocked back and forth by hand, making small waves, until the image has been developed evenly. Indeed, Jeff Wall noted that water has to be controlled exactly and cannot be permitted to spill over the spaces and moments mapped out for it in the process, or the picture is ruined. You certainly don’t want any water in your camera for example!

So did Eißfeldt take Jeff Wall at his word in her 2003/08 Conil project? Or did she risk breaking these photographic rules, only to emerge victorious? After all, she has succeeded in capturing how the sea looks, feels, and smells as never before.

Dörte Eißfeldt’s art is one of defiance, of synaesthesia, impressive staying power, fluid transitions, and vacillating certainties. Her oeuvre radiates an energy unparalleled in fine-art photography. A surging wave of public and critical appreciation for her work has finally begun to crest.

Dörte EißfeldtConil, Galerie Thomas Fischer, Berlin, 21 February to 18 April 2026

Dörte Eißfeldt . Archipelago, C/O Berlin, 7 February to 10 June 2026